Dschungel, Klappe die Zweite

Unser Weg nach Iquitos führt von Yurimaguas mit dem Frachtschiff über den Amazonas. Nach 3 Tagen und 4 Nächten in unseren Hängematten kommen wir an: In der größten Amazonasstadt ohne Straßenzugang. Dort, direkt am längsten (oder zweitlängsten, je nachdem wen du fragst) Fluss der Welt werden wir einige Tage bleiben. Die Stadt ist busy, unzählige TukTuks brummen um uns herum. Jedes zweite Haus erklärt sich abends zur Disco und bleibt es oft bis 2 Uhr morgens. Und es ist heiß, aber zum Glück gibt‘s Klimaanlagen.

Um dem Stadtchaos zu entkommen haben wir noch eine Lodgetour gebucht, ähnlich der die wir zu Silvester gemacht haben. Nach nur 2 Tagen in Iquitos um unsere Wäsche wieder auf Grade zu bekommen fährt unser Tourguide für die nächsten Tage mit dem TukTuk vor. Er nimmt uns mit, versorgt uns mit Gummistiefeln und setzt uns auf ein kleines Boot, dass uns zur Lodge bringt.

Allein aber mit Huhn

Schnell stellt sich raus, dass diese Tour sehr privat wird. Sie besteht aus Julia, mir, unserem Guide und dem Bootsführer. Keine anderen Menschen. Weder auf der Tour noch in der Lodge, denn aktuell haben sie hier keine anderen Gäste. Wir checken ein und kriegen Mittagessen, bevor die erste Tour ansteht. Es geht zur Monkey Island. Mit dem Boot kreuzen wir einmal über den Amazonas – das klingt nicht viel, aber er ist breit genug, dass wir doch eine Weile fahren. Auf der Monkey Island landen Affen, die zum Beispiel aus illegaler Wildtierhaltung aufgegabelt werden. Hier versuchen sie die Affen aufzupäppeln und wieder auszuwildern. Wenn das nicht geht können sie hier bleiben, das Gelände ist ein riesiges Stück Regenwald.

Wir dürfen die Affen kennenlernen. Sie spielen über unseren Köpfen, gehen ein Stück mit uns mit und sind ungefähr so neugierig auf uns wie wir auf sie. Wie viele verschiedene Affen wir sehen kann ich gar nicht sagen, aber sie reichen von der Größe her von meinem Knie bis zu Handflächengröße. Die kleinste Affenart hat auch gerade Babys, die sind so tiny dass wir sie kaum sehen. Ein Highlight ist das Faultier, dass wir im Baum erspähen. Es hängt und chillt. Wir freuen uns, die sind sooo schwer zu finden. Wobei wir auch lernen: Faultiere schwimmen. Dabei sind sie schneller unterwegs als am Baum.

Nach dem Abendessen steht noch ein Nightwalk an. Wir wandern 15 Minuten durch den stockdunkeln Regenwald, bewaffnet mit Taschenlampen. Ich drück mir selbst die Daumen, dass wir keine Taranteln sehen. Dafür werden wir mit einer kleinen weiß-braunen Schlange auf einem Baumast beehrt. Sie ist auf Futtersuche meint unser Guide. 

Unsere eigentliche Mission für den Abend ist eine kurze Paddelbootfahrt auf einem See um vielleicht Kaimane zu spotten. Kaimane sehen wir nur einen ganz kleinen, dafür einen massiven Sternenhimmel. Der Nachthimmel im Regenwald ist schwer zu toppen. Am Weg zurück sehen wir noch ein Opossum im Baum, sagen der Schlange gute Nacht und gehen ins Bett.

Delfine und Mittagsschlaf

Um 5:30 Uhr sitzen wir schon wieder im Boot. Schon gestern konnten wir Flussdelfine sehen, heute wollen wir unser Glück nochmal versuchen. Mit dem Boot fahren wir in einen ruhigen Seitenarm vom Amazonas. Dort ist die Wasseroberfläche ruhig, in ihr spiegelt sich die aufgehende Sonne. Durchbrochen wird das Bild von Delfinen, die durch den Wasserspiegel auftauchen. Zwei Arten an Delfinen gibt es hier: die pinken und grauen Flussdelfine. Erstere können bis 2,5 Meter groß werden und sind eher gemächlich unterwegs, die grauen bleiben eher klein und springen ähnlich aus dem Wasser, wie Delfine im Meer. Wir haben Glück sie so viel zu sehen und sitzen eine ganze Weile mit leuchtenden Augen am abgestellten Boot, bis die Delfine wegschwimmen. Wir halten noch eine Runde Ausschau nach Vögeln und fahren zum Frühstück, gefolgt von einer Bootsfahrt auf einer Lagune um ein Faultier zu finden. Wir haben wenig Glück und uns fallen am Boot schon ein bisschen die Augen zu.

Wir fordern einen Mittagsschlaf ein, praktisch, wenn es keine anderen Leute in der Gruppe sind. Dafür, versprechen wir unserem Guide, gehen wir dann mit ihm wandern. Gesagt getan, 3 Stunden stapfen wir durch den Regenwald, während die Sonne langsam untergeht. Wir wollen zu einem großen Baum, so groß, dass wir seine Krone nicht mehr sehen können. Dabei müssen wir durch ein paar kleine Flüsse, nichts wildes, maximal bis zu den Knien sind wir im Wasser. Problematischer als das sind die Moskitos, die sind aggro und lassen sich auch von Insektenspray wenig beeindrucken. Wir sind allerdings beeindruckt von riesigen Tausenfüsslern, Ameisen die scheinbar wehtun wie eine Verletzung von einem Pistoleneinschuss und massenhaft Fröschen am Waldboden.

Beim Abendessen sind wir natürlich wieder allein. Bis auf unseren katzischen Freund, ein roten Teenager-Kater, den wir Franz Potatoe taufen. Wer nicht aufpasst hat ihn schneller im Essen sitzen als du schauen kannst. Wir freuen uns trotzdem über etwas Gesellschaft.

Blumen-Tarantel

Der nächste Tag hat ein bissi lockereres Programm: Wir fahren mit dem Boot 2 Stunden einen Flussarm entlang in ein kleines Dorf. Dort bereiten sie uns Mittagessen zu, während wir mit dem Guide einen Runde durchs Dorf gehen. Sie versorgen sich selbst mit Solarstrom und haben seit Kurzem WLAN mit einem Starlink. Das öffentliche Telefon am Sportplatz wirkt entsprechend verweist. Vor einem Haus wird ein Kanu gezimmert.

Nach dem Essen steht eigentlich eine lange Wanderung an, aber der Hitze entsprechend beschließen wir abzukürzen. Wir wollen wieder zu einem Baum: die größte Baumart im Amazonas. Am Weg kommen wir an einem Teich vorbei, an dem wir uns Seerosen benannt nach Queen Victoria und eine Bromelia an einem Baum anschauen. Die Bromelia spuckt zu meiner schreckhaften Überraschung eine Tarantel aus, die rausgeklettert kommt. 8 lange und 2 kurze Beine hat sie, attestiert Julia. Sie ist ungefähr so groß wie mein Handballen und scheint ihr zuhause sehr ausgiebig bewachen zu wollen. Unseren Besuch beäugt die Tarantel kritisch. Aber solange wir sie nicht angreifen sind wir okay, ihre Haare können giftig sein, sagt der Guide. Ich bin überrascht wie cool ich die Spinne finde, vor der ich mich ewig gefurchten habe sie sehen zu müssen.

Am Weg zurück zur Lodge kann Julia noch eine Runde schwimmen. Am Boot neben uns sitzen zwei ältere Personen mit einem Affen an der Leine. Ein Monat wohnt der Affe jetzt bei ihnen, sagen sie. Schwer auszuhalten zu sehen wie sehr der Affe wegmöchte, raus in seinen Wald. Legal ist es nicht, dass sie ihn als Haustier halten. In der Praxis aber, sagt unser Guide, passiert es leider zu oft. Auch Faultiere sind beliebte Haustiere. Wir leiden mit dem Affen, die Menschen fahren mit ihm weg.

Eine letzte Wanderung

… steht noch an an Tag 4. Wir gehen nochmal hinein in das dichte Grün des Regenwaldes. Der Schlamm macht das Abheben der Füße vom Boden anstrengend, die Lianen hängen um uns herum. Immer wieder müssen wir Ausweichrouten nehmen, weil Spinnen ihre Netze am Weg aufgespannt haben. Julia spottet noch eine Tarantel, dieselbe wie gestern nur in klein. Auch sie umgehen wir. Wir haben kein wirkliches Ziel, laufen einfach ein wenig im Kreis und schauen. Lassen den Wald und seine Ruhe auf uns wirken. Im Anschluss geht‘s noch zu einer indigenen Familie, die uns Sachen zu Kaufen anbieten, bevor wir in der Lodge zur Abkühlung ins Pool springen.

Ein letztes Essen gibt es noch. Jetzt sind neue Gäste in der Lodge angekommen, aber wir sind schon am Weg raus. Vom Regenwald heißt es Abschied nehmen. Wir dachten eigentlich gar nicht, dass wir es nach Silvester nochmal in den Regenwald schaffen und haben uns extra gefreut. Aber fürs Erste war das unser letzter Besuch im Regenwald, zumindest beim jetzigen Plan für die nächsten Monate. Aber wer weiß, wohin es uns treibt.

Wir sagen jedenfalls: Danke, Amazonas, dass du deine Geheimnisse mit uns geteilt hast. 

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