Wir haben vom Kanu aus noch mehr Affen und Vögel gesehen sind zwischendurch auf Liane  geklettert und habe eine indigene Community besucht. Dort hat uns der Schamane von seiner Arbeit erzählt und wir haben gelernt wie man Yuca-Brot macht. Auf der Nacht Wanderung gab’s dann noch mehr Getier, das ich allerdings nicht so lieb finde wie Affen und Vögel. Und ich merke wieder mal, dass ich eher die Sozialwissenschaftler bin, als die Biologin.

Cuyabeno Tag 2

Der Tag beginnt um 7.30 mit dem Frühstück, der Wecker muss 4x läuten und Maja singt mir noch den ganzen Vormittag “Chiquitita”, meinen Weckerklingelton vor.
Im Motorboot geht’s auf in Richtung einer indigenen Community. Insgesamt gibt es hier 5 verschiedene Stämme und es leben ca. 1200 Leute im Cuyabeno Gebiet. Auf dem Weg dorthin sehen wir Papageien und Affen. Zu Fuß und Mit Gummistiefeln bewaffnet steigen wir aus dem Boot, um einen Baumriesen anzuschauen. Wer gut klettern kann, fragt David? Natürlich, Kletterpraxis hab ich dank Wasserfällen und dem Kinder-Kletterseil genug. Der Reihe nach Spielen wir alle eine Runde Jane auf der Liane. Gerne hätten wir noch ein bisschen mehr geübt, aber wir müssen weiter.

Zum indigenen Dorf gehts eine Weile zu Fuß. Die Lodges haben hier ein Eco-Tourism Modell, auf dass sie sehr stolz sind. Nämlich sollen die einheimischen Communities vom Tourismus profitieren. Ich bin da ja etwas kritisch, denn indigene Menschen sollten keine Touristenattraktion sein. Aber das Ganze funktioniert so: Wenn man eine Lodge aufmachen will, muss man eine Partnerschaft mit einer indigenen Familie eingehen, den gehört dann ein Teil der Lodge. Auch ein gewisser Teil des Personals muss von hier kommen. Die Motorboote, mit denen man hier überall herumfährt, gehören auch den Indigenen, wer sie betreibt wird wöchentlich gewechselt. Als Journalistin und IE-Studentin muss ich da aber doch nochmal nachfragen. Klar profitieren die Indigenen Familien, aber eben nur bestimmte. Bringt das nicht noch mehr Ungleichheit? Ja, dass muss David zugeben. Aber deswegen werden eben die Motorboote wöchentlich weitergegeben. Und es sei nicht so schlimm wir erwartet. Und nicht so schlimm wie früher, als die Öl-Formen und die Holzfirmen sich hier in der Region aufgeführt haben. Das dürfen sie jetzt nicht mehr, weil Nationalpark. Ich bin von der Ausrede nicht wirklich überzeugt und finde das Modell immer noch verbesserungswürdig. Aber ja.

Im Dorf der Sinoa gibt es Holzhütten, eine Schule, einen Sportplatz und auch Solarstrom. Irgendwo mitten im Nirgendwo. 24 Familien leben hier. David erklärt, dass im Gegensatz zum Rest von Lateinamerika in den indigenen Kulturen keinen Machismo gibt, sondern Frauen immer gleichberechtigt waren. Gerade haben sogar 2 der 4 Communities eine Präsidentin. Finde ich sehr cool. Zuerst einmal müssen jetzt aber alle aufs Klo. Das feier ich ziemlich, denn es ist ein Klo mit Ausblick. Ein schönes Haus mit Dach, die Wand gerade so hoch, dass man ein bisschen Privatsphäre hat. Zum Runterspülen steht ein Wasserkübel daneben.

Dann empfängt uns Bibiana. Sie ist 19 Jahre alt und zeigt uns heute wie man Yuca-Brot macht. Im Gespräch kommt heraus, dass sie seit 4 Jahren verheiratet ist und ein kleines Baby hat. Geheiratet wird hier immer noch früh. Aber sie macht eine Ausbildung, 2 Tage die Woche in einer Stadt an der kolumbianischen Grenze. Das heißt mal 2.5h mit dem Motorboot aus dem Dschungel raus und dann nochmal 2h mit dem Bus. Uff..
Darüber kommen wir auf Ehe und Tradition in der indigenen Community zu sprechen. Bibiana sagt, dass die Leute immer weniger Kinder bekommen. Früher waren das locker 7-10 pro Familie, heute sind es vielleicht 2. Auch dass man jemanden von “außen” oder aus einer anderen Gemeinde heiratet, ist kein Problem mehr. Traditionell zieht dann der Mann ins Dorf der Frau, aber wenn sich die beiden anders entscheiden, ist das auch ok. Am Weg zum Yuca ernten, frage ich Bibiana, welche Sprache bei ihr zuhause gesprochen wird. Spanisch, sagt sie. Die indigenen Sprachen sprechen noch die Großeltern, die Jungen lernen nur mehr einzelne Wörter davon. Sie gehen langsam verloren. Schade, finde ich.


Die Yuca ist ein Baum, den man zuerst mit der Machete umschlägt. Ich merke mal wieder, dass 4 Monate Mindo die beste Vorbereitung für den Dschungel sind. Alle so aaaah Yuca. Aaahh Bananenbaum. Aaahhh Machete. Und ich so: Kenn ich schon, haben wir im Garten, haben wir in der Werkstatt. Gut.
Die Yuca wächst wie eine Kartoffel in der Erde. Erst mal herausgeholt wird sie geschält, gewaschen und gerieben. Das dürfen wir machen. Ein weiterer SALEM-Vorteil: genug Küchenhilfe-Erfahrung. Die Yuca wird geschält und gerieben, danach wird das Wasser herausgepresst. Das trockene Pulver drücken wir nochmal durch ein Sieb, danach wird es auf eine Steinplatte über der Feuerstelle gelegt und verschmilzt zu Fladenbrot. Dann werden uns Würmer angeboten, die in Palmen leben. Probieren kann mans ja, schmeckt ein bisschen wie Speck. Zum Mittagessen gibts dann aber doch das Yucabrot und Salat, zur Nachspeise macht David aus Kakao “Dschungelnutella”.

Dann dürfen wir eine Weile mit dem Schamanen des Dorfes quatschen. Ein Schamane ist sowas wie eine Mischung zwischen Arzt und Psychotherapeut. Er versucht, auch unter dem Einsatz von halozinen Substanzen und Visionen, herauszufinden welche Krankheit jemand hat. Die kann er dann entweder mit Naturmedizin heilen, oder verweist im Fall von notwendigen Operationen auf ein Krankenhaus. Ich finde das ganze ja sehr spannend, vor allem den Ansatz, psychische und physische Gesundheit gemeinsam zu sehen.

Der Schamane ist ein ruhiger Herr Ende 50, trägt ein grünes Gewand und viele Ketten. Er ist mir sofort sympathisch. Ob er auch so etwas wie Drogen hat, fragt jemand. Er zeigt nur auf eine Flasche und macht eine fliegende Handbewegung. Wir dürfen auch eine Medizin probieren, es ist hochprozentiger Alkohol mit Stücken einer bestimmten Baumrinde. Die Schulmedizin macht dieses Getränk mittlerweile nach, aber gibt natürlich keine Credits an die indigenen Mediziner.

Ich möchte aber mehr über den Schamanen als Person herausfinden. Warum er Schamane geworden ist und wie man das überhaupt wird? Sein Onkel war auch Schamane und hat irgendwann mit ihm und seinen Cousins ein Ritual gemacht. Während seine Cousins unter Einfluss von Substanzen nur Blödsinn gemacht haben, hat er sich mit seinen Visionen beschäftigt und das sehr interessant gefunden. Sein Onkel und ein Professor haben ihm dann viel beigebracht. Als Schamane muss man sich auf viel mit sich selbst und seinen Ängsten beschäftigen, ähnlich wie in der Psychotherapieausbildung. Als Schamane arbeitet er nur in der Nacht, bis zu 10 Leute kann er in einer Nacht behandeln. Untertags geht er einer anderen Arbeit nach, wie beispielsweise auf dem Feld arbeiten. Der Schamane erzählt, dass er mittlerweile hauptsächlich mit Touristen arbeitet, die sich für seine Arbeitsweise interessieren und wissen wollen wie sich Visionen anfühlen. Dafür haben wir aber heute keine Zeit mehr, es geht zurück zum Boot. Vorher können wir noch Armbänder und Ketten kaufen, die die Einheimischen aus Samen machen.

Am Rückweg sehe ich wieder mal keine versteckten Tiere, was eher daran liegt, dass ich mit Gedanken beschäftigt bin. Ich habe heute viel gelernt und viel erleben können, über Sachen von denen ich sonst nicht viel verstehe. Ich bin dankbar für den Einblick in die Lebenswelt der Einheimischen, die aber doch immer kapitalistischere Züge annimmt. Über den Schamanen denke ich noch lange nach. Ebenso über den Ausflug als Ganzes. Ich habe sehr viel mitgenommen an Wissen. Dennoch bleibt der Zweifel: Welche Auswirkungen hat das, wenn wir als Touristen hier eine Tour machen durch das Leben der Indigenen? Wer profitiert, wer verliert? Was sind die sozialen Auswirkungen dieses Tourismus? Ist das richtig oder verwerflich, was wir da gerade tun? Trotz eines längeren Gesprächs mit Guide David finde ich keine Antwort auf diese Fragen. Manchmal gibt es eben keine richtige Antwort. Ich bleibe dabei, die Situation zu beobachten. Ich versuche, auf die Leute einzugehen, indem ich mich ein Weilchen mit Bibiana auf Spanisch unterhalten habe, mich bei allen bedankt habe für den Workshop, dem Schamanen noch ein paar interessante Fragen gestellt habe. Die spanische Sprach öffnet mir hier viele Türen, um näher an die Leute zu kommen und das Touri-Image vielleicht ein bisschen zu durchbrechen. Aber es bleibt Tourismus. Ob dieser mehr hilft oder schadet, werde ich heute nicht mehr herausfinden. Für mich war es jedenfalls ein interessanter, bereichernder Tag.

Am Abend springen wir wieder bei Sonnenuntergang in die große Lagune. Dann erwartet uns eine Nachtwanderung. Bei der finde ich noch weniger Tiere als unter Tags. Wobei die große Spinne, die David einen Meter von mir entfernt aus ihrem Loch locken will, nicht zu übersehen ist. Da bleibe ich dann lieber auf Sicherheitsabstand und lasse ihn schöne Fotos machen.

Auf dem Rückweg begleitet uns wieder ein wunderschöner Sternenhimmel. Der ist hier im Dschungel wirklich so schön wie sonst fast nirgends.

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