Wir schauen runter aufs Wasser, von ganz oben. Die Lungen brennen von der Etappe, die wir gerade hinter uns haben. Aber der Blick entschädigt die brennenden Waden und das Gefühl, keine Luft mehr zu kriegen. Unter uns erstreckt sich die Lagune Cuicocha, türkisgrünes Wasser wie am Wolfgangsee – dieser Vergleich begleitet uns den ganzen Tag. In der Mitte des Sees zwei Inseln. Um sie herum fährt ein weißes Boot, auf die Distanz nur so groß wie eine Ameise. Endlich sind wir da, sagt mein Kopf.
Es hat nämlich vier Anläufe gebraucht, um nach Cuicocha zu kommen. Der erste war in unseren ersten Wochen in Mindo, da haben wir es nicht geschafft. Der zweite dann vergangenes Wochenende, da ist uns eine Katze in Notpflege reingehüpft. Der dritte dann Mitte der Woche. Und dann kam der Tag der Abreise von Mindo nach Cotachachi, einen der Orte nahe der Lagune: Freitag. Mit im Gepäck Edwin und Talis, die Zeit gefunden haben uns zu begleiten. Wir im Bus, sie auf ihren Motorrädern: Wir treffen uns in Cotachachi.
Verloren aber besser ersetzt
Um 5:30 Uhr läutet an diesem Freitag der Wecker. Um 6:30 Uhr sitzen wir bereits im Bus nach Quito. Dort müssen wir noch ein paar Dinge bei der Person abliefern, die uns diese mit dem Flugzeug nach Europa mitnimmt. Nachdem wir, wie ihr bei Julia vielleicht gelesen habt, nicht mehr nach Ecuador zurückkommen können – Visum sei Dank – müssen ein paar Dinge einen anderen Weg nach Hause finden. Danach geht’s noch einmal ins Einkaufszentrum. Wir brauchen einen Regenschutz für den zweiten Wanderrucksack und ein Drybag, unser letztes haben wir verloren. Wo es abgeblieben ist wissen wir nicht, aber wir wissen, dass wir eines brauchen.
Nach einem kurzen Frühstück bei Cinnabon vergraben wir uns in den unterschiedlichen Sportgeschäften. In einem werden wir fündig: Ein Drybag von Deuter springt uns an. Julia ist seelig, sie wollte schon länger ein genau SOLCHES Drybag haben. Leicht, dünn, einfach zu verstauen. Alles, was das alte nicht konnte. Julia stellt fest: Wir sind gut darin verlorene Sachen nachzukriegen, oft sogar besser als davor. Und ein Paar Wandersocken springen uns auch in unseren Rucksack, haben wir also gut gemacht.
Bus, oh lieber Bus
Mit nur 2 Stunden Verspätung von unserem eigentlichen Plan springen wir in Carcelen am Busbahnhof herum und suchen nach einem Bus nach Cotachachi. Schnell wird klar, dass wir keine Direktverbindung kriegen. Na gut, dann also nach Otavalo und von dort weiter. Schnell noch aufs Klo, wir haben genau 5 Minuten bis Abfahrt. Dann aber geschafft. Wir düsen durch die kurvigen Bergstraßen nach Otavalo, der Ausblick wird immer spektakulärer. Ich weiß mittlerweile, dass aus dem Fenster schauen meine beste Beschäftigung ist. Nicht nur, um den Ausblick zu genießen, sondern auch, damit mir nicht ständig schlecht wird.
Bei einer Haltestelle hüpfen Verkäufer*innen in den Bus, die uns Essen und Trinken anbieten. Mittlerweile hab ich mir gut an sie gewöhnt und freu mich, wenn sie mir Sachen bringen. Diesmal gebrannte Erdnüsse, die ich dankend annehme. Zwei Minuten später schreit jemand „Jugo de Coco“ durch den Bus – Kokossaft. Julia glücklich. Natürlich nehmen wir auch den: Un dollarito kosten die Snacks jeweils. Wir lachen: Diesmal haben sie genau unseren Geschmack getroffen.
Irgendwann heißt es dann raus aus dem Bus und schauen, wie wir weiterkommen. Ganz übliches Chaos und alle schreien ihre Busrouten durch die Gegend. Julia erfragt das richtige Busunternehmen und nach nicht mal 5 Minuten sind wir schon auf unserer letzten Etappe. Nur noch eine Viertelstunde bis Cotachachi, dann springen wir aus dem Bus und sind zwei Ecken später schon in unserer Wohnung. Die ist super modern mit großer Küche und noch größerem Fernseher, der dieses Wochenende sehr gut genutzt wird.
Es ist mittlerweile Abend geworden, irgendwann sind wir dann auch alle vier in der Wohnung. Wir kaufen ein, kochen und planen, am nächsten Tag um 9 zur Lagune zu fahren. 12 Kilometer Wanderung stehen uns bevor. Den Abend verbringen wir mit Tangled, auf Spanisch natürlich. Das geht mittlerweile ganz gut, ich kann sogar manchmal bei Gesprächen mit Edwin und Talis mitreden. Dann freu ich mich.
Nebelwand, Regen und Sonnenschein
Am nächsten Tag kommen wir doch erst gegen halb 11 von der Wohnung weg. Wir düsen den Berg hinauf zur Lagune, der Regen wird immer stärker und der Nebel immer dichter. Am Eingang zum Nationalpark Cuicocha beschließen wir, dass wir die Wanderung absagen. Im Regen und ohne Ausblick würden wir das sowieso nicht genießen. Also zurück ins Dorf, stattdessen gibt es einen kleinen Shoppingtrip. Cotachachi entpuppt sich als richtiges Einkaufsparadies – von Lederjacken bis Hochzeitsgast-Outfit würden wir dort alles kriegen. Allem voran auch super viel Obst und Gemüse vom Markt, wir gehen richtig auf und decken uns mit ewig vielen Vitaminen ein.
Diesen Abend entscheiden wir uns für den Film Spirit. Edwins Schwester gesellt sich auch zu uns – wir passen sogar zu fünft auf ein Sofa, das eigentlich nur für zwei Personen gedacht ist. Gemütlich ist es trotzdem. Der neue Plan ist es morgen nochmal mit der Wanderung zu versuchen und danach wieder nach Mindo zu fahren. Also neuer Tag, neuer Versuch. Gegen neun sind wir diesmal schon am Weg zur Lagune – zu meiner Überraschung ist der Weg dahin schon enorm beeindruckend. Wir fahren durch ein sehr weitläufiges Tal voller grüner, üppiger Wiesen. Im Hintergrund türmen unzählige Berge, wovon mit Sicherheit einige Vulkane sind. Ich genieße die Fahrt und auch am Eingang erwartet uns diesmal ein besseres Bild: Kaum Nebel, kein Regen. Bestens.
Und Tatsache: Nach den ersten paar Stufen vom Parkplatz weg erstreckt sich die Lagune unter uns. Noch ist es bedeckt, der Weg steckt in einer Nebel- und Wolkenwand. Was auf uns zukommt sehen wir vom Startpunkt nicht, vielleicht auch gut so. Aber der Ausblick ist schon atemberaubend. Wir marschieren los, hypermotiviert. Ich habe mich so lange darauf gefreut, diese Wanderung zu machen und kann’s noch nicht glauben, dass wir jetzt da sind.
Es geht jedenfalls mal stetig bergauf. Der ersten Teil vom Weg ist hergerichtet und mit kleinen Ausstellungsstücken versehen. Der Part endet und wir folgen einem Trampelpfad entlang der Bergkronen rund um den See. Wir bleiben alle paar Meter stehen und genießen den Ausblick, der sich stückweise zeigt – die Wolken tanzen zwischen den Bergen und über dem Wasser herum. Manchmal können wir die Inseln in der Mitte nur noch erahnen. Zum Glück bleibt der Weg sehr klar, dem wir folgen. Weiter rauf und rauf. Höchstpunkt, sagt Talis, werden heute 3550 Meter sein.
Die Wanderung fordert unsere Flachland-Lungen. Wir brauchen viele Pausen, während die Einheimischen hier Lauftraining machen. Viele Bergaufteile sind mit Stufen versehen, die ich besonders schwierig zu gehen finde. Einmal ruft uns Talis zu, dass wir uns umdrehen sollen. Hinter uns erstreckt sich in der Ferne ein Vulkan – ob es Cayambe oder Imabura ist wissen wir nicht – mit schneebedeckter Spitze zum Himmel. Die Wolken huschen vorbei, verdecken ihn und lassen ihn wenige Sekunden später wieder frei. Traumhaft. Und dann ist er weg, verschwunden hinter der Nebelwand – kaum zu erahnen, was sich dahinter befindet.
Wir gehen und gehen, die Kilometermarkierungen lassen ewig auf sich warten. Bei nicht mal der Hälfte setzen wir uns ins Gras: Wir brauchen Pause und ein Picknick. Wir packen Obst, Brot und Fake-Mannerschnitten aus und während wir essen, kommt auch immer mehr die Sonne raus. Dann geht’s weiter: Diesmal sehen wir den restlichen Weg, der wirkt flacher. Und dem ist auch so, die restlichen 6,5 Kilometer gehen wir viel eben oder bergab, das geht viel schneller und leichter. Sagen auch unsere Lungen. Der Ausblick klart auf, die Lagune strahlt im Sonnenlicht. Auf unserer anderen Seite schaut es fast so aus, wie in der Steiermark. Am Weg muss man darauf achten, nicht in die Kuhfladen zu steigen. Wir fliegen wahrlich dahin – erstens weil wir das gehen genießen und zweitens, weil der Ausblick einem das Gefühl gibt über der Welt zu stehen.
Und dann lacht uns das vorletzte Schild entgegen: 11,5 Kilometer geschafft. Der Weg spuckt uns am Parkplatz aus, es sind gute fünfeinhalb Stunden vergangen. Wir sind müde und hyper. Jetzt müssen wir’s noch nach Mindo schaffen!
Eis, Eis und noch mehr Eis
Entgegen der kühlen Bergluft vom Vormittag ist es mit der Sonne jetzt extrem warm geworden. In Cotacachi zurück schnappen wir unseren Rucksack und kaufen uns ein Eis, während wir auf den Bus nach Otavalo warten. In Otavalo werden wir förmlich von Bus zu Bus gejagt, um nach Quito zu fahren. Wieder wollen sie uns was verkaufen: Schokoeis und Kokoseis. Natürlich wollen wir, ein Eis ist nach so einer Wanderung zu wenig! Und ja, richtig gelesen: IM BUS VERKAUFEN SIE EIS. Ich lieb’s.
Nachdem ich mir mit dem Schokoeis den Zuckerschock meines Lebens verpasst habe, schlafe ich ein bissi ein. Die Wanderung steckt in meinen Knochen, aber irgendwie ist das Busfahren nach dem Wandern richtig geil. Normalerweise bin ich total hibbelig, aber jetzt bin ich gut ausgepowert. Nach Quito brauchen wir eine Weile, weil wir im Stau stecken. Dort angekommen checken wir uns noch Nachtbustickets für unsere Fahrt Richtung Peru am nächsten Wochenende – das Cotacachi-Wochenende war unser letztes in Ecuador. Dann haben wir nochmal richtig Glück und können nach nur fünf Minuten schon nach Mindo abfahren. Dort kommen wir dann am späten Abend an und fallen ins Bett. Das war anstregend. Aber sowas von gut!


