Wir rumpeln die Straßen entlang. Definitiv mehr rumpeln als fahren, durch jedes Schlagloch. Immer tiefer hinunter ins Tal zwischen zwei grünen Bergwänden. Die schauen fast aus wie in Mindo. Aber irgendwie auch nicht, besonders nicht die meterhohen Kakteen die aus dem Grün ragen. Die Bergwände ragen links und rechts von uns empor, dazwischen schlängeln sich die Straße und ein Fluss entlang. Ich gebe mein bestes bei der Windschutzscheibe rauszustarren, damit mir nicht schlecht wird während die wir Serpentinen entlangfahren.
Wir sind am Weg zur Ausgrabungsstätte Kuélap. Eine Stunde Bus von Chachapoyas, zuerst bergab und dann wieder bergauf. Wir wollen zur Teleferico, also Seilbahn, die seit 9 Jahren Menschen zu den Ruinen bringt. Die letzten Minuten zur Gondeln geht‘s mit dem Bus vom Gondelunternehmen und schon stehen wir auf den kleinen, am Boden eingezeichneten Kreisen von 1 bis 8, die uns zeigen, wer in die nächste goldene Gondel darf. Auch die Gondeln geht zuerst mal bergab, dann wieder bergauf. Steiler als alle Seilbahnen, die ich je gesehen haben. Sie gleitet still dahin, so still wie wir die Bergschluchten um uns herum beobachten. Grün trifft auf Felsen in pink, rot und grau. Lehm, erzählt unser Guide.
Am Berg angekommen geht‘s schnell weiter. 30 Minuten Wanderung gilt es noch zu überwinden, bis wir bei den Ruinen sind. Wir keuchen die Stufen hinauf, sind mittlerweile auf rund 3000 Höhenmetern, unsere Lungen merken es sofort. Und dann, nach einer unscheinbaren Kurve, sind wir da: Vor uns erscheint eine lange Steinwand, bis zu 20 Meter hoch. Stein auf Stein haben die Chachapoyas, das Volk das hier vor mehreren hundert Jahren gelebt hat, diese Mauer aufgebaut. Und alles, was sich hinter ihr versteckt.
Meerschweinchen und der Opa im Keller
Innerhalb der Mauer befindet sich ein ganzes Ruinendorf, das aus unzähligen runden Häusern bestanden hat. Heute sieht man bei den meisten der Häusern noch den Sockel, kann sich aber gut vorstellen, was hier mal zu finden war. In den Häusern gibt es Löcher in den Wänden, in die die Chachapoyas Holzbalken gesteckt haben um Betten und Stauraum entlang der Wände empor zu haben. Es gibt eine Steinplatte mit einem zweiten Stein obendrauf, mit dem die Menschen Getreide gemahlen haben. Es gibt einen kleinen steinernen Kanal in jedem Haus, in dem sie Meerschweinchen zum Essen gehalten haben. Und jedes Haus, das wir begutachten, hat ein Loch im Boden: Hier, erzählt unser Guide, haben die Leute ihre Toten hineingelegt. Sozusagen den verstorbenen Opa in den Keller verfrachtet. Leben und Tod in einem Haus. Leben und Tod waren bei den Chachapoyas nicht voneinander getrennt.
Im Dorf gibt es neben normalen Wohnhäusern auch einen Tempel, einen Wehrturm, Gemeinschaftshäuser und drei Eingänge. Forschende vermuten, dass jeweils ein Eingang für einfache Leute, wichtige Menschen und Lamas gedacht waren.
Spannend ist auch zu sehen, wo die typische runde Bauweise von eckigen Elementen ergänzt oder überschattet wird. Die sind nämlich im 15. Jahrhundert in Kuélap eingetroffen und haben das Dorf sozusagen übernommen – und gleichzeitig begonnen, die Chachapoyas zu deportieren und auszulöschen. Dass die Inka hier aktiv waren, ist klar zu sehen: die eckigen Elemente erinnern mich an Fotos von Machu Picchu, was ebenfalls eine Inkastätte ist.
1530 sind übrigens auch die Spanier hierhergekommen. Was sie vorgefunden haben können wir nur erahnen: Ihren Chroniken zufolge waren die Menschen in Kuélap weiß und hatten blonde Haare. Gemeinsam mit dem Spaniern haben die Chachapoyas versucht sich gegen die Inka zu wehren, sind aber letztlich – wie viele indigene Völker – den „neuen“ Krankheiten aus Europa zum Opfer gefallen.
Alte Geschichten, schöner Ausblick
Wir schauen uns alles ganz genau an, der Guide erzählt uns noch mehr, alles was sie über die Chachapoyas wissen. Zwischendrin sind wir immer wieder von dem einmaligen Ausblick rund um Kuélap abgelenkt: das Dorf liegt auf einer Bergspitze und rundherum sind andere Berge zu sehen. Einmalig. Und in den Bäumen über unsere Köpfen wohnen grüne Papageien, die um uns herumfliegen und schreien. Wunderschön.
Und dann sind die rund zwei Stunden in der verfallenen Stadt vorbei und wir treten den Rückweg an. Zu Fuß, mit der Gondel, mit dem Bus. In der Seilbahn erklärt uns der Guide noch, dass in den Löchern der Berghänge menschliche Überreste der Chachapoyas liegen. In eines der Löcher sehen wir aus der Gondel hinein: zu sehen sind Knochen, aber kein Schädel. Längst gestohlen.
Im Dorf zum Fuße Kuélaps angekommen gibt es noch ein Mittagessen. Wir tauschen uns mit anderen Reisenden aus Europa aus, über Reiserouten, Europa, wie anders das Leben hier ist. Dann sind wir alle müde und freuen uns auf die Rückfahrt nach Chachapoyas.