Neue Wälder, neue Welt

Unser Weihnachtsgeschenk aneinander schaut dieses Jahr etwas anders aus: Wir fahren über Silvester in den Urlaub! Aber nicht wie sonst im Winter zum Saunieren und Zurücklehnen, sondern um eine für mich neue Welt zu erkunden – nämlich den Regenwald. Dafür haben wir uns einen Aufenthalt in einer Lodge im nördlichen Amazonas gebucht, im Cuyabeno Nationalpark. Unsere Sachen wandern also, bis auf die Jeans, die wir bei der Wärme im Regenwald getrost in Mindo lassen können, in die Rucksäcke und los geht’s: Auf die erste Reise unserer großen Reise.

Die Anreise führt über Quito. Der letzte Bus geht von Mindo um 17 Uhr los, gegen halb 9 sind wir dann im Hostal Secret Garden in Quito, von dem aus wir den Shuttle nach Cuyabeno nehmen. Der holt uns gegen Mitternacht ab und nach einmal schlafen sind wir in Lago Agrio, dort wird Zwischenstopp fürs Frühstück gemacht. Wir sitzen mit einem netten Paar aus dem Burgenland am Tisch und tauschen uns gut über Reisen durch Lateinamerika aus. Für sie geht es mit dem Bus zum selben Ausgangspunkt, der Brücke (Puente) Cuyabeno. Von dort trennen sich aber unsere Wege, denn in den Flussweiten von hier sind elf Lodges verteilt. Wir werden von einem Guide eingesammelt, der uns „Dolphinlodge“ entgegenruft. Nach einem kurzen Mittagessen werden wir und unser Gepäck auf ein auf mich rudimentär wirkendes Kanu verfrachtet. Zwei bis drei Stunden Bootsfahrt liegen jetzt vor uns, um zu den Lodges zu gelangen. Vorher aber wollen sie uns zur großen Lagune bringen, um dort den Sonnenuntergang zu schauen.

Es grünt so grün

Am Boot brauche ich eine Weile um mich einzufinden. Das Wasser um mich ist schlammig und wirkt wenig vertrauenswürdig. Spoiler: Ich werde damit später noch ordentlich Spaß haben. Jedenfalls aber legt sich das Kanu in den Kurven oft sehr schief und das Wasser kommt gefährlich nahe zum Rand des Bootes. Dazu sitzen wir immer wieder auf: Der Wasserstand ist schon sehr niedrig, die Trockenzeit steht bevor. Mit fortschreitender Fahrt kann ich aber immer mehr genießen und nehme wahr, was um mich passiert. Da ist alles grün, grüner als alles, was ich je gesehen habe. Lianen hängen in die tiefe Lacke, die Bäume ragen in den Himmel. Ihre Spitzen sind vom Boot aus gar nicht zu erkennen, so hoch sind sie. Immer wieder landen kleine fischige Besucher:innen in unserem Boot. Wir nennen sie Springfische, unser Guide nennt sie „Dogfish“. Einer davon knallt gegen den Kopf des Passagiers vor mir. Er und seine Freundin kommen aus Großbritannien, wir sind die Veggie-Crew unserer Tour und verstehen uns gleich richtig gut. Sein Kopf bleibt zum Glück heil. Die Fische, die mindestens alle drei Minuten in unserem Boot landen, sind aber ganz schön schwer wieder rauszukriegen. Julia versucht die zwei Fische, die in unserer Reihe gelandet sind, rauszuboxen – sie flutschen ihr aber ständig durch die Fingern. Wir haben Spaß und die armen Fische landen auch alle wieder im Fluss.

Ein erstes Highlight erwartet uns schon auf halben Weg zur Lodge: AFFEN! Direkt vor uns! Wir halten das Boot an und staunen. Sie springen von einem Baum zum nächsten. Erst zwei, dann drei, vier und noch mehr Affen. Unser Guide erklärt, dass es Kapuziner- und Totenkopfaffen sind. Erstere sehen wir nicht, aber die Totenkopfäffchen lachen uns entgegen. Eines sogar mit einem Baby, wie unser neuer britischer friend mit seiner Kamera festhält. Ich bin im Himmel, seit Wochen freue ich mich auf Affen. Und schon sind sie da, so nah. Wir spotten auch noch einiges anderes: Tukane und Vögel, die ich vorerst mal „Amazon Hendl“ nenne. Eigentlich heißen sie Hoatzin oder Stinky Turkey und sie sind quasi überall. Ob sie stinken finden wir bis zum Schluss nicht heraus, wir wissen aber, dass sie sich gerne aufplustern, wenn wir mit dem Kanu an ihnen vorbeidüsen. Auch Kaimane dürfen wir in der untergehenden Sonne beobachten. Weiße kleine Kaimane in erster Linie, ihre Augen leuchten im Taschenlampenlicht der Dunkelheit rot. Ich ahne noch nicht, was für ein großer Fan ich von den Kaimanen werde. Kaimane sind ein Art Krokodil, anfangs weiß ich nicht ganz, worin sie sich unterscheiden. Bald aber weiß ich: Kaimane haben eine rundere Schnauze und im geschlossenen Zustand sieht man nur ihre oberen Zähne. Krokodile zeigen mit geschlossener langer Schnauze die oberen und unteren Zähne. Gefährlich sind Kaimane für uns nicht, sie sind faul, erzählen die Guides. Untertags leben sie an Land um sich aufzuwärmen. Bei Einbruch der Dunkelheit gehen sie ins Wasser und liegen ganz still, bis ein Fisch vorbeikommt – dann beißen sie zu. Wirklich jagen tun sie aber nicht.

Bei der Lagune angekommen staunen wir: Ihre Weite ist unglaublich. Und schlammig. Auch Julia staunt. Sie war schon einmal hier, aber da war die Lagune nicht ausgetrocknet und weit tiefer. Da war es auch möglich zu schwimmen, jetzt wirkt das wenige Wasser wenig einladend dafür. Alles anders, stellt sie fest. Alles neu, stelle ich fest. Aber schön! Trotzdem sind wir zu müde, um noch viel davon mitzukriegen. Glücklicherweise dürfen wir bald zurück aufs Boot und sie karren uns Richtung Lodge. Dort werden wir mit dem ersten von vielen großartigen Menüs versorgt und dann fallen wir ins Bett.

Wandertag für Regenwaldnewbies

Der erste ganze Tag in der Lodge beginnt um 7:30 mit Frühstück, viiiel Frühstück. Und ungenießbarem Kaffee, der aber definitiv Gehirn und Darm aufweckt. Heute steht eine Wanderung bei der Lodge an, mit unserem Guide für diese Woche: Miguel. Um 9 Uhr zitiert er uns auf die Wiese beim Haus und möchte die Tour starten. Er plappert drauf los, so schnell, dass nicht mal unsere britischen Friends ihm immer folgen können – obwohl es ihre Muttersprache ist. Dabei erzählt er auch drei Geschichten gleichzeitig, die oft nicht zusammenhängen. Nach einer Stunde stehen wir immer noch am selben Fleck – und wissen mehr über die Geschichte Ecuadors und verschiedene Tiere, als unsere Köpfe aufnehmen können. Nach einer weiteren halben Stunde haben wir uns dann zirka 10 Meter in den Wald reinbewegt. Die Lodge sehen wir im Hintergrund immer noch. Wir lernen, dass es mal eine Fischart gab, die sie Penisfische nennen. Zum Glück gibt es sie nicht mehr und sie können demnach keine Eier mehr in die Penisse der Männer legen. Und wir lernen, dass Piranhas eigentlich ganz lieb sind und keine Menschen fressen, sie mögen Früchte und Samen lieber.

Miguel hat seine Expertise, wie sich bald rausstellt, vor allem bei Insekten und Spinnen. Er scheint vor allem eine Liebe für Ameisen zu haben. Wir schauen viele Ameisen an, lernen über Ameisen, werden von Ameisen gebissen, riechen an Ameisen. Angeblich riechen sie nach Mandeln, meint Miguel. Ich rieche das nicht. Um das noch zu toppen lässt er eine mutige Person Ameisen von einem Baumstamm schlecken und essen. Gesund.

Insgesamt 4 oder 4,5 Stunden sind wir unterwegs. Was wir sehen sind riesige Bäume, Palmen, Farne und viele Pflanzen, die ich so nicht erkenne. Zum Beispiel die Bromelia, eine Pflanzengattung der auch die Ananas angehört. Miguel lässt die Gruppe immer wieder Früchte aus dem Wald kosten, die meisten davon sind sauer. Besonders spannend finde ich Lianen: Sie hängen und schlängeln überall herum. Dünn, dick, lang, kurz. Wir stehen immer wieder vor riesigen Bäumen von denen wir erfahren, dass sie eigentlich mal ein anderer Baum waren und dann von Lianen umschlossen wurde. Jetzt sind die Lianen ein neuer Baum, der fast unsichtbar weit in den Himmel ragt. Ich merke bald: Auch der Regenwald ist nur ein Wald. Einer der extreme, denn alles hier ist irgendwie größer und grüner als in heimischen Wäldern. Wärmer und feuchter. Aber es ist nur ein Wald.

Gegen Ende der Tour wartet Miguel mit einem Zaubertrick auf: Er hat eine Palme gefunden in deren Mitte noch ein junger, rötlicher Stamm wächst. Er fängt an ihn zu schütteln und er sprießt auf wie ein Feuerwerk. Die einzelnen Streifen des Palmenstrangs schält er und zeigt uns, dass man mit dem inneren weißen Material Fäden spinnen kann. Indigene Gemeinschaften stellen daraus Schmuck oder sogar Hängematten her – auch wenn sie dafür auch bis zu 6 Monaten Palme sammeln gehen müssen.

Mittagsschlaf mit Delfin

Nach der Wanderung kommen wir zur Lodge zurück und werden mit Mittagessen versorgt, bei dem schon alle ihre Energie verlieren. Wir ziehen uns in die Hängematten zurück und genießen die Ruhe. Kein Mucks von irgendwem, mitten im Nirgendwo des Amazonas. Außer Insekten und Vögel ist nichts mehr zu hören, alle genießen und schlafen. Auch wir schlafen ein. Als wir aufwachen werden wir darauf aufmerksam gemacht, dass im Fluss direkt vor der Lodge Delfine sind. Wir setzen uns am Ufer in eine Schaukel und beobachten. Als Miguel uns zur Schokotour einlädt winken wir ab: Es ist zu gemütlich zu chillen und die Delfine zu beobachten. Noch dazu steht heut noch eine Nachtwanderung an für die ich meine Energie brauche.

Um 5 stehen wir bereit. In Gummistiefeln, mit Westen und Insektenspray bewaffnet. Ich bin unrund, immerhin haben sie uns Taranteln versprochen. Die will ich wirklich nicht sehen. Wälder im Dunkeln sind an sich schon nicht mein Fall, schon gar nicht mit der Aussicht auf viele Spinnen, die allesamt größer sind als Zuhause. Kleine Spinnen sucht man in Ecuador tendenziell vergeblich. Es ist nur eine kurze Bootsfahrt zum Wanderpunkt und trotzdem sehen wir am Weg Delfine und Kaimane. Ein Kaiman ist drei oder vier Meter lang und tiefschwarz. Die Boote fahren enorm nah an ihn heran, was Miguel nicht schmeckt. Er erklärt im Nachgang, dass das für die Tiere enorm stressig ist und sie sich daraufhin zurückziehen und nicht mehr anschauen lassen wollen.

Dann geht die Wanderung los, wir starten im Sonnenuntergang. Schon kurz darauf ist es stockdunkel, wir schalten unserer Taschenlampen an und trotten weiter. Ich hab meine Kapuze fest ums Gesicht geschnürt und versuche die Berührung von Pflanzen mit potenziellen Insekten zu vermeiden. Auf einem Blatt sitzt eine beträchtlich große, weiße Spinne, die sich schnell verzieht. Ich auch. Wir spotten zum Glück keine Tarantel und die meisten Spinnen, die Miguel aufspürt, sind vergleichsweise tiny. Außer eine, die Skorpionspinne, die auf einem Baum sitzt. Ich sehe davon ab sie anzuschauen und laufe weiter. Ein Highlight für mich ist eine große Kröte, Bulltoad, die unter einem Baum sitzt. Laut Miguel ist sie die größte der Welt und schreit nachts so laut, dass ich in der ersten Nacht kaum einschlafen konnte. So groß ist sie dann doch nicht.

Und dann ist es geschafft: Wir sind zurück am Boot und fahren zurück zur Lodge. Wir schließen den Tag wie den letzten: Mit Abendessen und dem Weg ins Bett. Morgen müssen wir fit sein: Der letzte Tag von 2025 steht an. Stay tuned.

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