Großstadtflair mit Aussicht

Rund zwei Wochen haben wir in der Amazonía verbracht: in Mitten von Grün, Tieren und meist ohne Handyempfang. Nachdem wir zuerst die Lodge in Cuyabeno unsicher und dann die indigene Gemeinde im Yasuní besucht haben, waren wir noch ein paar Tage in Coca. Auch wenn das faktisch noch im Regenwald war, haben wir in der Stadt wenig davon gemerkt und uns über Koch- und Shoppingmöglichkeiten gefreut. Spoiler: Ein richtig gutes Taschenmesser aus dem Campinggeschäft kostet dort weniger als eine einsame Dose Kokosmilch. Gegönnt haben wir uns beides.

Irgendwann heißt es aber bekanntlich immer Abschied nehmen, auch vom Amazonas. Wir merken auch, dass uns ein Tapetenwechsel gut tun wird – und unser letzter Abstecher in den Regenwald wird es ohnehin nicht gewesen sein. Wir setzen uns also an einem willkürlichen Donnerstag um 9:20 Uhr in Coca in den Bus. Unser nächster Halt ist Quito. Grüner Regenwald wird gegen moderne Großstadt eingetauscht. Wir rechnen uns Daumen mal Pi aus, dass wir zwischen 16 und 17 Uhr in Quito sein dürften. Zuerst aber müssen wir einige Höhenmeter zurücklegen. Coca liegt auf 300 Metern, Quito auf 2800. dazwischen geht‘s aber kurz noch weiter rauf auf 3300 Höhenmeter, der Peak der Busfahrt, bevor wir dann tatsächlich in Quito ankommen.

Höhenkrank und shoppinglustig

Die Busfahrt ist vergleichsweise ruhig, wenn wir auch 45 Minuten stecken bleiben, weil eine Baustelle die Straße blockiert. Für hiesige Busfahrerlebnisse ein eher kleines Hindernis. Es schüttet den Großteil der Fahrt, die wunderschönen Wasserfälle entlang der Strecke erspähen wir durch die nassen Fenster nur ein kleines bissi. Einer der Wasserfälle fällt uns dennoch ins Auge: Er ist so lang, dass wir weder seinen Ursprung noch sein Ende sehen. Auf zwei Ebenen stürzt er sich in die Tiefe. Julia ist happy.

Gegen 17:30 Uhr kommen wir dann an, es ist noch nicht ganz dunkel. Von Quitumbe, dem südlichen Busbahnhof der Stadt, der einem Flughafen gleicht wie Julia feststellt, fährt sogar die Metro in die Stadt. Wir watscheln mit unseren Rucksäcken also einige Etagen hinunter zu den neusten und saubersten U-Bahnhalle, die ich je gesehen habe. 45 Cent kostet eine Fahrt, zu unserer Station La Carolina sind es rund 25 Minuten Fahrt. Ich bin völlig hin und weg, eine U-BAHN!!! Irgendwie hab ich die schon vermisst, aber in Quito ist sie weder dreckig, noch stinkt sie wie in Wien und die Leute sind da sogar leise. Ich genieße die Fahrt jedenfalls sehr.

Dass wir die kleinen Dinge aus dem österreichischen Alltag vermissen zeigt sich die nächsten Tage. Es beginnt schon am Ankunftsabend mit einer veganen Essensbestellung in unsere kleine Wohnung. Die liegt im 10. Stock und das nächtliche Quito erstreckt sich unter uns. Für einen Moment sind wir sprachlos, dann aber vor allem hungrig.

Und: Wir verfallen in ein Shoppingfieber! Ich habe den Tipp für eine Bäckerei namen Cyrano bekommen, die richtiges Brot und Laugengebäck verkauft. Wir kaufen denen gleich mal den halben Laden leer und einen Brunch gönnen wir uns auch. Wir gehen getrocknete Tomaten im Supermarkt jagen (die enttäuschenderweise eher nach Ketchup als nach getrockneten Tomaten schmecken) und Kinderriegel und Hummus müssen auch mit. Am zweiten Tag hüpfe ich schon um 8 auf die Straße und spüre Coffee to Go im Café auf, der uns extrem Freude macht. Aber auch zittern lässt, weil sie mir einen doppelten Cappuccino verkaufen und wir zur Zeit eher Filterkaffee gewohnt sind. So düsen die ersten Tage dahin, die wir überwiegend mit Essen und uns Freuen verbringen.

Und mit Kopfweh, zumindest bei mir. Die Höhe meldet sich nicht sofort, aber nach zwei Tagen brüllen mein Kopf und meine Lungen, denen sogar vom Kastentür aufmachen die Luft ausgeht. Wir machen‘s uns gemütlich und gehen viel spazieren. Im Park La Carolina neben unserem Haus bieten uns zwei Menschen an, dass wir Überraschungspakete aufmachen können – sie freuen sich, dass wir stehen bleiben und Julia Spanisch spricht. Wir freuen uns auf die Überraschungen. Julia öffnet ein Paket und findet blaue Ohrstecker, in meinem ist zuerst nichts drin. Beim zweiten Versuch ergattere ich goldene Stecker mit Fake-Kristallen. Super nette Kleinigkeiten und die Ohrringe wandern noch am selben Abend in unsere Ohrlöcher.

Die Türklingeln namens Guardias

In Quito fällt mir vor allem auf, dass die Stadt für Autos gebaut ist. Wenn es überhaupt Zebrastreifen gibt, bleibt niemand stehen. Auch nicht, wenn es eine Fußgänger*innenampel gibt, die grün ist. Simpel gesagt: Augen aufmachen und gehen, wenn kein Auto in Sicht ist. Die Autos lassen dich nicht drüber.

Was auch sehr präsent ist: Sicherheitspersonal. Fast jedes Gebäude, jedes Geschäft, jedes Wohnhaus, jeder Park hat Guardias. Um in unsere Wohnung zu kommen müssen sie uns von innen die stilvolle Glastür aufmachen. Zuhause wäre das über die Gegensprechanlage der Klingel gelaufen, hier arbeiten Menschen als interaktive Türöffner. Ihr Haupttätigkeitsfeld ist es überaus freundlich zu Grüßen. Man gewöhnt sich schnell daran, dass man am Eingang der Bäckerei einmal laut die Person im Sicherheitsgewand grüßt, bevor man Croissants kaufen geht. Wie Julia feststellt sind Guardias für uns auch recht praktisch: Im Einkaufszentrum suchen wir verzweifelt den Supermarkt und ein Sicherheitsmann kann uns die Richtung weisen. Danke, los geht die Qual durch den Supermaxi: Dagegen ist Interspar größentechnisch eine Blechdose. 

Am Wochenende sind wir bei einem befreundeten Uniprofessor und seiner Familie zum Brunch eingeladen. Mit Croissants von Cyrano ausgestattet fallen wir in ihrer Wohnung ein, die zwei Welten verbindet: eine gute Schippe Ecuador trifft auf Akzente von zuhause. Am Christbaum hängen zwei kleine Milkakuh-Stofftiere, im Regal liegen Spiele aus meiner Kindheit – zum Beispiel das verrückte Labyrinth. Man sieht der Wohnung an, dass die Familie eine Zeit in Deutschland war. Gesprochen wir eine wilde Mischung aus Spanisch und Deutsch während wir uns mit selbstgemachten Yucabroten gefüllt mit Käse die Bäuche vollschlagen.

Danach ist Zeit für einen Spaziergang im Park hinterm Haus. Dort hätten noch weit mehr Häuser entstehen sollen, stattdessen gibt‘s dort jetzt archäologische Ausgrabungsstätten. Sonntags gibt es hier Führungen, wie praktisch, dass wir gerade am Sonntag dort sind. Wir hängen und also an eine Führung und lernen über die verschiedenen Völker, die im heutigen Quito einst gelebt haben. Und über Vulkanausbrüche, die immer wieder das Leben in der Gegend unmöglich gemacht hat. In den Ausgrabungen sind die unterschiedlichen Schichten an Vulkangestein sichtbar, unter ihnen vergraben gibt es alte Hausmauern, Keramikkunst und Gräber, die die Forschenden nach und nach freilegen. Nicht von allem ist klar, warum es da ist. Beispielsweise gibt es terrassenähnliche Steinwände, von denen bestenfalls Theorien bestehen, wofür sie gebaut wurden: Vielleicht hätte es ein Kalender sein sollen. Oder Schutz vor Geröll, dass sich am Berg löst. 

Knapp zwei Stunden marschieren wir durch den Park und schauen uns die Ausgrabungen und Pflanzen an. Und den Ausblick, der atemberaubend ist. Über uns türmen die Berge, unter uns die Stadt. 

Zu Pferd durch den Nebel

Das eigentliche Highlight unserer Tage in Quito schaffen wir zum Schluss. Mit der TeleferiQo fahren wir auf den Hausberg von Quito auf rund 4000 Metern. Knapp 20 Minuten sitzen wir in der ungewöhnlich steilen Gondel und beobachten, wie die riesige Stadt unter uns schrumpft. Gleichzeitig zeigt sich mit jedem Höhenmeter mehr, wie weit sich Quito in Mitten der umzingelnden Berge erstreckt.

Am Berg angekommen machen wir uns mal sonnenfit, auf der Höhe wollen wir keinen Sonnenbrand riskieren. Wir starten los, ich freu mich extrem endlich am Berg zu sein. Schnell vorankommen tun wir aber nicht, meine Lungen hecheln nach Luft. Die Höhe macht sich wieder bemerkbar. Trotzdem wandern wir von einem Aussichtspunkt  zum nächsten, machen Fotos und staunen. Es wirkt alles so klein unter uns. 

An einem Aussichtspunkt gibt‘s eine Schaukel mit der man quasi in die Wolken schaukeln kann. Der Wind bläst uns um die Ohren. An einem anderen Aussichtspunkt ergattern wir eine Holzliege, auf der wir eine Weile die Sonne genießen und den tiefgründigen Gesprächen anderer Touris lauschen. Direkt unter uns die ewigen Weiten voller Häuser, neben uns die grün-braunen Bergweiten.

Über den nächsten Hügel drüber dann die Überraschung: Gesattelte Pferde! Dass es hier was zu reiten gibt wussten wir, aber eigentlich nur am Wochenende. Heute, denken wir, ist eindeutig Dienstag – aber in Ecuador läuft die Zeitrechnung immer etwas anders. In der Berghütte nebenan wir uns versprochen, dass wir reiten können, wenn das Pferdeteam ihr Mittagessen gegessen hat. Wir snacken auch noch eine Runde, Julia versucht uns Maduros con Queso (Kochbananen mit Käse) in der Hütte zu checken – aber dann ist die Mittagspause aus und wir starten zu den Pferden.

Wir dürfen es uns im Sattel von Valentina und Princessa gemütlich machen. 25 Minuten reiten wir über die Hochebene, während der Nebel um uns herum aufzieht. Kurz aber lichtet sich der Nebel, damit wir Blick auf den Gipfel neben uns haben: der Rucu Pichincha, knapp 4700 Meter hoch. Ich staune, auch weil ich weiß, dass Julia vor einigen Jahren von da, wo wir jetzt hinaufschauen, auf den Gipfel gewandert ist. Ich zolle ihr Respekt, aber wir sind uns einig, dass wir das nicht (nochmal) machen werden.

Dann zieht der Ausblick wieder zu und unsere Pferde trotten weiter. Über unebene Böden, durch Gebüsch, mal bergauf, mal bergab. Die Pflanzen am Berg sind so rau wie das Wetter: Grün-braun und in Bodennähe wachsen sie dahin und neigen sich im Wind. Das Geräusch der Hufen am erdigen Boden hat was extrem Beruhigendes an sich. 

Ich merke schnell, dass ich das Reiten nicht gewöhnt bin. Unsere Hintern sind eigentlich ganz froh wieder vom Pferd zu kommen. Aber die Idee, bald mal wieder reiten zu gehen, bleibt. Zum Aufwärmen kehren wir noch bei der Bergstation der TeleferiQo ein und genießen die letzten nebligen Blicke auf Quito mit heißer Schoki in der Hand. Ich befreunde mich mit einer sehr lieben alten Hündin, die zwischen den Tischen herumläuft und nach Streicheleinheiten sucht.

Zu Wasser in der Plastiklagune

Kurz darauf sind wir wieder am Fuß des Berges. Zu unserer Überraschung ist es da heute auch gar nicht so warm wie die letzten Tage. Die Regenjacken bleiben an. Wir haben nämlich noch eine outdoorsy Mission für heute: Tretbootfahren.

Im La Carolina gibt es eine Lagune, wie die Schilder vor Ort und Google Maps verraten. Diese Lagune unterhält mich schon seit Tagen: Faktisch stehen wir vor einem eingegrabenen Plastikbecken gefüllt mit grünem Wasser, das sich um mehrere Kurven schwingt. Zwischen den Wasserwegen sind kleine Inseln, auf die man über Brücken gehen kann. Die Lagune erinnert mich an Wasserbahnen in Freizeitparks. 

In ihr drin haben wir am Wochenende eine ganze Horde an Tretbooten entdeckt. Wir wollen auch Tretboot fahren. 6 Dollar für eine halbe Stunde gönnen wir uns und setzen uns ins Boot Nummer 20. Unsere Beine sind etwas lang für die Pedale. Unsere Knie sind fast beim Treten bei der Brust, während wir unsere 3, 4 Runden über die geschwungene Lagune drehen. Wir genießen die Fahrt, es sind nur wenig andere Leute gerade am Wasser. Und trotz des Plastikcharakters ist es total schön, dass es hier mitten in der Stadt die Möglichkeit gibt, Boot zu fahren. Dabei können wir die Menschen um uns herum, die Bäume im Park und die Hochhäuser, die über die Baumwipfel schauen, beobachten.

Vor der Abreise nach Mindo geht Julia noch ein Interview machen, die sie auch die letzten Tage immer wieder auf Trap gehalten haben. Dann nehmen wir Abschied von Quito: Eine Woche haben wir in der Stadt verbracht und sie ist, zugegebenermaßen, extrem schnell vergangen.

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