Der Bus schraubt sich durch die Nebelwälder Richtung Mindo. Sie präsentieren sich heute von ihre beeindruckendsten Seite. Tiefe weiße Schwaden hängen zwischen den grünen Bergen, in denen man einen Avatar-Film drehen könnte. Palmen schauen zwischen den Laubbäumen hervor, hin und wieder ist ein Haus zu erkennen. Es regnet und wird bald noch mehr regnen, denn die Regenzeit beginnt gerade. Es wird finster und die grünen Berghänge werden grau, irgendwann ist die Fensterscheibe nur noch schwarz mit Regentropfen. Es fühlt sich schön an, nach über drei Wochen in der Amazonía und in Quito wieder zurück zu kommen. Trotzdem ist das Gefühl im Bauch wehmütig-freudig. Der Grund dafür hat sich in Quito ergeben und besagt, dass ich den schönen Weg durch die Nebelwälder nicht mehr so oft fahren darf, wie ich gerne würde.
Eigentlich hätte es ein vorhersehbarer, einfacher Behördentermin werden sollen, eine kleine notwendige Erledigung um unsere Pläne weiter zu verfolgen. Stattdessen haben wir bei unserem Besuch bei der ecuadorianischen Migrationsbehörde erfahren, dass wir nicht wie geplant im Juni wieder einreisen können und von hier nach Wien fliegen. Ein ziemlicher Schock – wir hatten uns doch eigentlich gut informiert. Der nette Mitarbeiter versucht im Anblick unserer auf einmal sehr blassen Gesichter noch zu helfen, wo er kann – doch Regeln sind Regeln, und die Regeln sagen Nein.
Ich verstehe die Regeln nicht. Jetzt darf ich hier sein, im April dürfte ich hier sein, im kommenden November auch. Aber im Juni darf ich nicht einen Tag meinen Fuß auf ecuadorianischen Boden setzen. Nein, sagt der Staat. Regeln sind auch nicht zum Verstehen da, zum suchen einer Logik, zum logisch sein. Ein Nein ist einfach ein Nein.
Es ist dasselbe Nein, das besagt, dass mich die meisten meiner ecuadorianischen Freund:innen nicht einfach in Österreich besuchen kommen können. Da sagt der österreichische Staat Nein.
Dasselbe Nein, das manche Menschen davon abhält zu bleiben, wo sie sich ein Leben aufgebaut haben und sie zurück schickt in andere Länder, in denen sie nicht sicher sind.
Dasselbe Nein, dafür sorgt das Menschen ihre Familien nicht sehen können, sich nicht frei aussuchen können, wo sie gerade sein möchten, zwangsweise hin und hergeschoben werden.
Dasselbe Nein, das manchen Menschen überhaupt verbietet, ihren Staat zu verlassen.
Visum heißt das Wort, von dem ich mich frage, wer es erfunden hat. Nationalstaat heißt das andere Wort, das in meinem Kopf herumspukt. Warum können wir nicht alle dort sein, wo wir sein wollen? Warum können wir uns nicht einfach alle frei bewegen? Warum kann ein Staat meinem ecuadorianischen Freund verbieten, mich in Wien zu besuchen? Warum ist die Frage, wo wir uns hinbewegen können, geknüpft an den Ort, an dem wir geboren sind, an die Frage welchen Pass wir haben – oder ob wir überhaupt einen Pass haben? Warum hat das kleine Heft mit den Stempeln so viel Bedeutung und ein Nein so viel Gewicht?
Es sind privilegierte Tränen, die ich weine. Bin ich es doch sonst gewohnt, mit meinem österreichischen Pass über Grenzen zu marschieren, einen Stempel in den Pass gedrückt zu bekommen und einreisen zu können. Kein Papierkram, kein Warten, kein Geld nachweisen, kein Abgewiesen werden. Diesmal bin ich diejenige, die nicht nochmal zu Besuch kommen kann, obwohl sie möchte. Mein Herz ist schwer. Zu gern hätte ich alle meine Lieben hier nochmal gedrückt bevor es dann wieder zu den Lieben nach Österreich geht. Gleichzeitig muss ich an Menschen denken, die von Grund auf nicht dieselben Privilegien haben wie ich. Für die ein „Nein“ in Sachen Visum häufiger und wahrscheinlicher ist als ein „Ja“. Ich kann nicht nachvollziehen, wie es ihnen geht.
Wie wir mit dem Nein jetzt umgehen? Es wird uns einiges kosten – an Geld und Nerven meine ich. Brauchen wir einen neuen Flug, oder lässt sich der vielleicht umbuchen? Wie kommen meine Masterarbeitsbücher jetzt zurück nach Österreich? Geld heißt das andere Privileg, dass uns aus der Patsche hilft, wenn das Pass-Privileg mal versagt. Und ich möchte nicht behaupten, dass wir unendlich viel davon haben. Aber genug, um einen neuen Flug zu buchen, wenn das notwendig ist. Auch wenn das ein wenig weh tut im Geldbörsel. Was allerdings mehr wehtut ist das Herz, das dieses Nein einfach als unnötig und unfair empfindet, am liebsten alle Visa und Staaten dieser Welt abschaffen würde und noch öfter durch die Berge nach Mindo fahren.
Aber die Antwort auf all das ist wohl auch Nein.